Der Timer meines Handys holt mich aus meinen Träumen. Schon wieder 20 Minuten rum. Egal, nur kurz in die Runde gucken, Kurs checken, dann gleich wieder zurück in die Koje. Der Blick auf das GPS holt mich vollends in die Realität zurück. Kurs 173°. Mein Soll-Kurs ist aber 140°, schließlich will ich zur Isla Graciosa und nicht nach Teneriffa. Jedenfalls jetzt noch nicht. Also, statt wieder rein in die Koje, Schuhe an und raus ins Cockpit. Zunächst löse ich die Kette des Windpiloten von der Pinne und bringe Frigga manuell auf unseren Kurs zurück, Mist, was ist’n jetzt los, klarer Am-Wind-Kurs. Mein Grib-File auf dem Monitor des Laptop hat mir doch glatt ins Gesicht gelogen. Eigentlich zeigt die Vorhersage für die nächsten 5 Tage ausschließlich Wind aus NNO, also raumschots. Ich habe nichts gegen einen Am-Wind-Kurs, wenn es nicht zu hoch ran geht, nur traue ich der Sache nicht. Bisher bin ich nur mit der Genua vor dem Wind gefahren. Zwischendurch hatte ich mal kurz das Groß oben, als ich auf eine nur kurz angetäuschte Halbwindsituation hereingefallen bin. Die jetzige Windrichtung schreit wieder nach dem Großsegel, aber eigentlich will ich ins Bett und nicht an den Mast. Erst mal abwarten… ach, was soll’s, Gurtzeug an und eingepickt in die Sorgleine geht’s nach vorne. Mehr kriechend als gehend, denn die Großschot ist gelöst und der Baum führt einen netten Tanz im Takt der Wellen auf. Muss nicht sein, dass der mich von Bord fegt. Natürlich verhakt sich beim Setzen des Segels wie immer eine der Segellatten in den Lazyjacks. Wie oft ich diese Dinger schon verflucht habe. Andererseits sind sie wirklich hilfreich beim Bergen des Segels. Schulmäßig soll es ja so laufen, dass man nach einem Aufschießer den Bug direkt in den Wind hält, damit das Groß schön parallel zur Schiffsmitte an der Mastnut nach oben läuft. Blanke Theorie. Hab schon oft versucht mit den Wellen zu reden, damit sie mal für’n Moment mit der Wackelei innehalten, sie hören einfach nicht auf mich. Also, es dauert wieder mal, bis ich zurückkomme ins Cockpit. Nächster Akt, Großschot dichtholen, über die Kette, die die Steuerleinen des Windpilot auf die Pinne führt in die hintere Hälfte des Cockpits kraxeln, um die Windfahne nachzustellen. Oha, Lichter voraus. Wie schön, ich bin nicht allein auf der Welt. Was haben wir denn da, zwei weiße Lichter in einigen Metern Abstand nebeneinander, das rechte etwas höher, darunter ein rotes Licht. Alles klar, der geht von rechts nach links weit vor mir durch, hab ich nichts mit zu schaffen. Inzwischen stelle ich beim Versuch, die Windfahne zu justieren, während ich die Pinne mit einem Fuß bediene fest, dass der Wind nachgelassen hat. Das Rollen in den Wellen lässt das Großsegel hin und her schlagen, der Schotblock ruckt an seiner Verbindung auf dem Traveller jedes Mal ein, dass es nur so knallt, der Verklicker fährt schon wieder Karussel. Sch… !!! Keine eindeutige Windrichtung mehr festzustellen, wie soll der Windpilot da seine Arbeit machen. Soll ich etwa selbst an der Pinne sitzen? Ich will doch wieder ins Bett. Außerdem habe ich Hunger gekriegt. Im Geiste stelle ich mir einen Imbiss zusammen, nach dessen Genuss ich befriedigt ins Laken sinken werde. Spiegeleier mit Zwiebeln? Nee, nicht so’n Aufwand… da habe ich doch noch eine Dose Würstchen… Scheibe Käse drumrum, Gurke dazu… das isses! Aber erstmal die Segelei, was also tun? Der Wind, vielmehr das bisschen, was noch vorhanden ist, scheint wieder gedreht zu haben, kommt wieder mehr achterlich rein. Das erleichtert die Entscheidung, das Groß wieder runterzunehmen. Bei dem lauen Lüftchen kann ich das sogar vor dem Wind machen. Wieder aufpassen, dass ich beim Kriechgang zum Mast nicht vom schlagenden Baum eine verplättet kriege, dann runter mit dem Zeug. Geht gut, dank der Lazyjacks… ääh, ja. Über der ganzen Szenerie ein grandioser Sternenhimmel. Senkrecht über mir liegt lang hingefläzt Orion und guckt mir auf die Finger. Links von mir stürzt gerade der Große Wagen mit der Deichsel voran ins Meer. Zurück im Cockpit Verwunderung: was ist mit dem denn los? Der Dampfer, der mich vorhin von rechts nach links vor dem Bug passiert hat, ist jetzt hinter mir steuerbordseitig zu sehen. Selbe Lichterkonstellation, hat mich sozusagen umrundet und fährt wieder in die Richtung, aus der er gekommen ist. Muss ich das verstehen? Ich beschließe, dass es mir Wurscht ist… apropos, Dose auf… BAHHH! Wer hat das Zeug denn eingekauft, die schmecken ja widerlich. Viereinhalb Würstchen finden Verwendung als Fischfutter. Statt Würstchen gibt’s jetzt Schinken, mit Käse um Gewürzgurken gerollt, lecker. Jetzt aber in die Koje. Ein letzter Check, 2:27 Uhr, Kurs 180°… oh nee, nicht schon wieder… Manchmal beneide ich die Motorbootfahrer.
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