FRIGGA-live

  • Schrift vergrößern
  • Standard Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Nächtliche Handarbeitsstunden

E-Mail Drucken PDF
in der Nacht von Freitag auf Samstag. Draußen im Cockpit an der Pinne, da mein Steuermann bei 40kn Wind nicht mehr mitspielen wollte. Er fand, dass wir mit der 4,8m² großen Sturmfock übertakelt seien und streikte.
Er streikt übrigens schon bei 30kn, und natürlich hat er recht, die Sturmfock müsste halb so groß sein. Ich merke das daran, dass ich die Pinne dermaßen nach Luv zerren muss, dass ich Angst kriege, dass sie durchbricht. Aber ein kleineres Vorsegel habe ich nicht, die Rollfock soweit einzurollen, dass nur noch ein Fetzen steht ist auch keine Lösung. Da ich die Holepunkte für die Schoten nicht weit genug nach vorn schieben kann, flattert und knattert dann das Achterliek nervenaufreibend und extrem Material beanspruchend, und das Profil ist mehr oder weniger wirkungslos.
So verbringe ich denn die Nacht beim einsamen Kampf mit den Elementen. Zur Aufmunterung stimme ich lauthals den alten Gassenhauer „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ an. Der Wind weht zwar nicht mit Stärke 10, aber einige andere Zeilen passen durchaus zu meiner Situation: ... das Schiff schwankt hin und her... am Himmel ist kein Stern zu seh'n... es tobt das wilde Meer... oh seht ihn an, oh seht ihn an.... da zeigt sich der Klabautermann... usw.
Ob ich den Klabautermann gesehen habe? Logisch, das ist unvermeidlich in einer solchen Nacht. Es ist insgesamt die härteste Nummer meiner bisherigen Reise. Wellenberge schieben sich von achtern anrollend unter uns hindurch. Erst geht es mit dem Heck nach oben, wenn Frigga dann gerade anfängt zu beschleunigen kommt das Schaumbad auf der Wellenkrone, anschließend fahren wir auf der Rückseite für einen Moment bergauf. Kurz, bevor wir die Fahrt verlieren, hebt uns schon wieder die nächste Welle. Ab und an gesellt sich eine Welle von der Seite kommend hinzu, versucht Friggas Heck wegzuschubsen und duscht mich spaßeshalber von Kopf bis Fuß. Trotz des mit schweren, dunklen Wolkengebirgen verhangenen Himmels ist es recht hell. Der Vollmond ist auf meiner Seite. Er ist, wenn er sich hin und wieder zwischen den Wolken blicken lässt sogar so hell, dass er mich blendet. 'Eine Mondbrille wäre nicht schlecht' denke ich, und 'zum Glück kann man keinen Mondbrand kriegen'.
Die Arbeit an der Pinne verlangt die volle Konzentration, wenn ich nicht aufpasse luven wir gnadenlos an, oder schlimmer, fallen ab, bis die Fock back steht. Gegen Morgen bin ich hundemüde und total erschöpft. Ein Päckchen gesalzene Erdnüsse in der Jackentasche hebt die Stimmung kurzzeitig. Ich frage mich, was wohl eher eintritt, das Abflauen des Windes oder der Sonnenaufgang und hoffe auf ersteres. Wird nichts draus, der Sonnenaufgang findet für mich nicht sichtbar hinter finsteren Wolkenwänden statt. Ungefähr um acht Uhr morgens nicke ich für zwei Sekunden ein. Frigga luvt an, legt sich auf die Seite und die Fock schlägt wie verückt hin und her. Dabei geht der Schnappschäkel am Schothorn auf, und das Segel flattert frei wie eine Fahne im Wind. Frigga richtet sich wieder auf, und als ich nach vorne auf den Bug gehe, um die Fock zu bergen, stelle ich fest, dass sie so vor Topp und Takel treibend eigentlich relativ ruhig liegt. 'Okay, dann lasse ich das einfach mal so und verziehe mich in die Koje' ist mein erster Gedanke. Gedacht, getan, rein, Schotten dicht, und ich staune, wie ruhig und gemütlich es drinnen ist. Eine Wohltat, aus den feuchten Klamotten rauszukommen und unter die warme Decke zu kriechen.
Kaum liege ich zehn Minuten, als uns ein Brecher derartig abrupt auf die Seite wirft, dass alles, was an Backbordseite nicht festgeschraubt oder hinter verschlossenen Türen ist nach Steuerbord fliegt. So auch der Kocher aus der Kochmulde heraus. Die darüber eingepasste Abdeckplatte nimmt er dabei einfach mit. Auch mein Laptop, das ich auf dem Sitzpolster an der Funkecke festgebunden hatte fliegt. Mitsamt dem Polster, und, oh Wunder, er bleibt unverletzt. Etwas weiter vorne liegt im Backbordregal hinter einem Süll, das so hoch ist wie das Gerät selbst mein Echolot. Das ist ein alter 'Seafarer' (Segler werden es kennen, ein Klassiker), ein schweres Graugußgehäuse. Ich habe es nirgendwo fest installiert, hole es bei Bedarf auf das Brückendeck. Jedenfalls liegt es nach seinem Flug neben mir auf dem Kopfkissen. Hätte ich das an die Rübe gekriegt...
Also wieder raus ins Cockpit, weitermachen. Um zwölf drehe ich erneut bei, gehe wieder in die Koje, mir ist jetzt alles egal. Als ich um 16:00 aufwache, ist der Spuk vorbei. Es bläst mit moderaten 25kn aus West, mal sehen, wie lange.
Bevor dieses Theater los ging hatte ich das gegenteilige Problem. Eine lang anhaltende Flaute zwang mich am Freitag wieder zu stundenlangem Motoren. Am frühen Nachmittag wiederholte sich ein Ereignis, das ich beim ersten mal schon für ziemlich unwahrscheinlich gehalten hatte. An Backbord voraus sichtete ich Segel auf der Kimm. Bald stellte sich heraus, dass wir zusammentreffen würden, und zwei Stunden später wusste ich, um wen es sich handelte. Der Katamaran 'Traumjäger' mit Skipper Bernd an Bord und zwei Mitseglern kam merkwürdigerweise aus Nord und hatte das selbe Ziel wie ich. Ich kannte den 'Traumjäger' zum einen vom Hörensagen von gemeinsamen Bekannten, z. B. von Ruben, mit seiner 'Lida' einer meiner Weggefährten in Portugal und Madeira, außerdem lag der Kat in Spanish Town auf den BVI neben der 'Pantagruel' vor Anker. Bernd erzählte, dass er schon viel weiter im Norden gewesen sei, aber nach seinen neusten Wetterinformationen lieber wieder auf 35° zurück wollte, um irgendwelchen Tiefs auszuweichen, die dort oben zu erwarten waren. Da meine Grib-Files sich bisher jedes mal als unzutreffend erwiesen hatten, vertraute auch ich auf seine Infos und fuhr ein Stück mit. Unterwegs checkte ich selber nochmal das Wetter über sailmail und stellte fest, dass wir demnach geradewegs in ein südlich entlang ziehendes Tief hinein fuhren. Bernd war inzwischen wieder außerhalb der UKW-Reichweite, so ein Kat ist nun mal etwas leichtfüßiger, so schickte ich ihm ein email und ging wieder auf Kurs West. Was daraus wurde, steht oben. Im Moment fahre ich auf 37° westwärts und hoffe das Beste.
 

Affiliates