So viel Regen wie hier auf Martinique habe ich zuletzt vor neun Monaten auf der Trave erlebt. Das ist gar nicht unpraktisch, wenn man kein Badezimmer an Bord hat. Zum Glück regnet es immer zur richtigen Zeit, früh am Morgen.
Dann beginnt der Tag mit einem Köpper vom Kajütdach und anschließender Regendusche im Cockpit.
The first days on Martinique it rained a lot. Mostly in the morning, so I could use the rain for a shower in the cockpit.

Le Marin war mein erster Anlaufpunkt in diesem französischen Überseedepartement. Dieser bei Yachties sehr beliebte Ort liegt an einer riesigen tief einschneidenden Bucht, die von grünen Hügeln und Mangroven entlang der Küste umgeben ist. Außerhalb der voll belegten Marina ankern hier mehrere hundert Yachten, nicht wenige als Dauerlieger, wie die teilweise üppig bewachsenen Ankerketten bezeugen. Trotz des am ersten Tag anhaltenden Regens hielt mich nichts an Bord, ich lechzte nach einem der französischen Supermärkte, in denen man hier angeblich zu bezahlbaren Preisen alles bekommen kann, was es in Europa auch gibt. Zwischendurch wurde der Regen von Sturmböen begleitet, eine gute halbe Stunde musste ich mich unterstellen, bis der Spuk vorbei war, bzw. fürs erste unterbrochen.
First Stop on Martinique was Le Marin. First destination in Le Marin was one of the french supermarkets, to get some european food-stuff, which I had missed during the last weeks in the South Caribbean.

Als dann die Sonne wieder hervorbrach, war es sofort wieder extrem heiß,

der starke Wind hatte mir jedoch die Batterie gut gefüllt, so dass ich Schlemmereien einkaufen konnte, die gekühlt werden mussten. Abends im Cockpit gab es dann frisches Baguette mit Entenpastete, dazu herrlich kühlen Cidre, danach Käse mit Oliven und Rotwein und später eine Tafel Schokolade. Solchermaßen seelisch aufgepäppelt wurde ich unternehmungslustig und schmiedete anhand einer Wanderkarte Pläne für die weitere Besichtigung dieser sehr europäischen und wahrscheinlich wohlhabendsten Insel der Kleinen Antillen. Zunächst wollte ich nur rund 15sm weiter an der Südküste entlang und sozusagen um die südwestliche Ecke zu der ob ihrer Schönheit vielgerühmten Bucht „Grand Anse d’Arlet“. Davor stand selbstverständlich das Ankermanöver.
An diesem Beispiel möchte ich doch mal den Stress schildern, dem ein Einhandsegler zuweilen unterworfen ist. Wie schon gesagt teilen sich hier mehrere hundert Yachten die Bucht als Ankerplatz, was zur Folge hat, dass man sich doch recht dicht gegenseitig auf den Pelz rückt. Auch die größte Bucht bietet nicht unendlich viel Platz. Der nächste Nachbar ist oft nur etwas mehr als eine Bootslänge entfernt. Ist nicht schlimm, wenn der Rudergänger aufpasst, wann das Eisen durch den Mann oder die Frau an der Ankerwinde aus dem Grund geholt wird. Wenn das Crewmitglied am Bug und das hinten am Ruder dieselbe Person ist, kann es schwieriger werden. Nämlich, wenn folgende Dinge zusammenkommen: starker Wind, kein Platz, um das Boot treiben zu lassen, mechanische Ankerwinde, durch anhaftenden Schmodder doppelt so schwerer Anker und entsprechend eingesaute Kette, kein Kettenkasten, ach so, Schwell natürlich auch nicht zu knapp.
The anchorbay in Le Marin is very crowded, some hundret yachts pretty close together. So I had really stress, to get my anchor off the ground in strong wind without hitting my next neighbour.
Da sich mein selbstgebauter Kettenkasten als undicht erwiesen hatte und sich darüber relativ schnell die Bilge füllte, hatte ich diesen schon lange deaktiviert, d. h. mit Sikaflex versiegelt und fortan die Kette einfach durch die vordere Luke nach innen auf den mit Plastikfolie belegten Fußboden des Vorschiffs laufen lassen. Bisher war die Kette immer sauber genug und das bisschen Feuchtigkeit spielte keine Rolle. Problematisch ist dabei nur, dass ich die Kette erst an den Anker anschäkeln kann, wenn ich sicher bin, dass die Luke offen bleiben kann, ohne dass überkommende Gischt eindringen kann, umgekehrt, beim Losfahren muss die Kette möglichst sofort vom Anker gelöst, das Ende nach innen geworfen und die Luke verschlossen werden, bevor es dann während der Fahrt ruppiger wird.
Also, Motor läuft, ich nach vorne zur Ankerwinde, Wind frischt auf (wie immer eigentlich), Abwarten auf dem Bug, bis die Bö nachlässt, sie lässt nicht nach, nimmt eher zu. Die Kette ist stramm, trotzdem heißt es, Hand über Hand schnell zwei, drei Meter einzuholen, damit das Schiff in Vorwärtsfahrt zu bringen und den Zug aus der Kette zu nehmen. Dann zügig weiter einholen. Ideal ist, wenn man dadurch so schnell wird, dass der Anker in Vorwärtsfahrt überfahren und ausgebrochen wird. Hier ist der Grund zäher Schlick, da geht nur Gewalt, d. h. mit einem Hebel an der Untersetzung der Ankerwinde wird die Kette Zentimeter um Zentimeter hochgewinscht. Die Ankerwinde ächzt und knackt, Fahrt ist schon längst nicht mehr im Schiff, in dem Moment, als der Anker aus dem Grund kommt treiben wir auch schon rückwärts. Noch schnell die letzten drei Meter… Mist, der Anker ist ein einziger unförmiger grauer Klumpen. Unmöglich, das Ding in die Halterung zu ziehen. Lasse ich ihn knapp unter der Wasserlinie hängen, kriege ich ihn während der Fahrt zu irgendeinem freien Plätzchen vielleicht sauber gespült, dafür klötert er bei jeder kleinen Welle gegen den Rumpf. Es geht aber nicht anders, ich muss ins Cockpit jumpen, Gas geben und Abstand zu dem Katamaran gewinnen, in den ich sonst gleich einraste. Bis ich in Ruhe vorne alles klarieren kann, müssen wir ein paar hundert Meter durch das dicht besiedelte Ankerfeld hindurch, um Raum zu gewinnen. Natürlich ist reger Dingiverkehr und man soll es nicht glauben, was die Dinger für eine Welle machen können. Jedesmal poltert es vorne, manchmal fliegt Gischt bis ins Cockpit und so eben auch durch die offene Luke ins Vorschiff. Tja, da kann man richtig schlechte Laune kriegen.
Der Nachmittag dann in Grande Anse sollte jedoch all das wieder ausgleichen und den Tag ins Positive drehen. Die Bucht ist wirklich schön, ich finde einen perfekten Ankerplatz (eine Aussage, die ich am nächsten Morgen werde relativieren müssen), keine 100m weit bis zum Steg (ich rudere mit einem Paddel und einem Brett), und der erste Spaziergang durch den Ort wird durch die spontane Ausdehnung auf einen ausgeschilderten Wanderweg zu einem touristischen Höhepunkt.
The next place after Le Marin was Grande Anse D'Arlet, a beautiful bay. From Grande Anse I followed a hiking trail to Petite Anse, a picturesque fishing village in the neighbour bay.

Der Panoramablick über die Ankerbucht (Suchbild: wo ist Frigga?) bildet den Auftakt,

ein kleines Hochplateau überrascht kurz darauf mit einer Landschaft, die mich an Riddagshausen (für Nicht-Braunschweiger: Braunschweiger Naherholungsgebiet) im Frühling erinnert.


Schon fühle ich mich sauwohl. Das Ziel des Wanderweges ist das idyllische Fischerörtchen Petite Anse

Der Rückweg entlang der Straße ist in der Hälfte der Zeit für die Offroad-Strecke erledigt, so kann ich in lauschiger Abendstimmung wieder in meiner Ankerbucht auch die Besichtigung von Grande Anse vollenden.
Back in Grande Anse in the evening



Am nächsten Morgen holt mich ein lautes Rummsen um halb sechs Uhr vorzeitig aus dem Schlaf. Was ich dann draußen sehe gibt mir Rätsel auf.
Sometimes the wind changes and You have to notice, that the next neighbour was to close. Preferably that happens at night.

Tags zuvor hatten wir diese Windrichtung auch schon, dabei lag der Kat in ausreichendem Abstand vor mir. Die Crew, die kurz darauf erscheint beteuert, dass der Anker fest sitzt. Naja, ich muss ja nicht alles verstehen, ist ja nichts passiert.
Gegen Mittag geht es schließlich weiter nach Norden, in die etwa 8sm entfernte Hauptstadt Martiniques Fort de France. Als wir über die weite, der Stadt vorgelagerte Bucht mit gerade mal knapp 3kn Speed gegen den strammen Wind anmotoren, knackt es plötzlich am Schaft der Pinne. Die Oberseite des Holzes war vorher mit der Oberseite der Edelstahlaufnahme flächenbündig. Offensichtlich ist das Holz unter dem Metall im Laufe der Zeit vergammelt.
On the way to Fort de France the tiller broke, but I could reach the anchorage with that safely.

Wie gut, dass ich die alte Pinne, die mein Vorbesitzer Klemens gegen seinen eigenen Entwurf ausgetauscht hatte mitgenommen habe. Bleibt nur zu hoffen, dass ich kein abgebrochenes Holz in der Hand halte, bevor der Anker im Grund sitzt.

Glück im Unglück, die Pinne hält lange genug durch. Als wir fest liegen, lasse ich diese Baustelle erstmal Baustelle sein, schwinge mich ins Dingi und stürze mich ins Stadtleben. Die erste Stadt seit Las Palmas vor drei Monaten. Natürlich kann man Bridgetown auf Barbados und St. George’s auf Grenada auch als Stadt bezeichnen. Diese Stadt hier sieht allerdings so aus, wie sich ein Europäer eine Stadt vorstellt. Dazu demnächst mehr.












