Hört denn das nie auf? Womit habe ich das bloß verdient? Kaum habe ich den letzten Bericht in den Äther gejagt, als ich registriere, dass es draußen wieder ungemütlich wird. Frigga luvt immer häufiger an und rast dann auf Halbwindkurs mit knatterndem Vorsegel parallel zu den Wellen.
Just after I'd sent my last report, the wind increased again and I had to reef down the jib. A few minutes later a gust ripped the clew off the sail. That was very bad, because also my stormjib had two rips as I discovered yesterday. Meanwhile the wind blew with 40 knots, so I heaved-to under bare poles for the night. Over night I had repaired the stormjib, but after sunrise the wind was less than 20 knots, so I braught my genoa on deck and after an hour working on the dancing bow 'Frigga' was under sail again.
Kein Wunder, als ich das Anemometer in den Wind halte schlägt der Zeiger sofort bis 32kn aus. Vor einer Stunde noch hatte ich voller Zuversicht geglaubt, dass die Sturmfock nun bis Flores an der Reling festgelascht bleiben würde. Gestern hatte ich beim Bergen derselben zwei kleine Risse entdeckt und erstmal keinen Handlungsbedarf gesehen. Idiotisch! Ich rolle die Fock zur Hälfte ein und als ich sie wieder dichter hole, um Fahrt aufzunehmen passiert es. Eine Bö fährt in das Segel, es knallt, und das Schothorn reißt ab wie die perforierte Ecke einer Taschenkalenderseite. Statt eines Segels flattert jetzt da vorne eine dreieckige Fahne im Wind. Mechanisch rolle ich den kläglichen Wimpel ein, hangele mich vor auf das tanzende Vorschiff, verzurre die nutzlose Rolle mit einem Tampen, schlage die Sturmfock ab und bringe sie ins Cockpit. Das Tuch im Bereich der Risse befreie ich mit Süßwasser und Bürste gründlich vom Salz, damit später das Tape darauf haftet, versuche die Stelle im Wind zu trocknen und ärgere mich maßlos, dass ich das gestern nicht schon getan habe. Wind zum Trocknen ist genug da, inzwischen bis zu 38kn, aber auch die Wellen sind wieder höher geworden und oft gibt’s fliegendes Wasser im Cockpit. Dann muss es wohl drinnen trocknen, wird wahrscheinlich bis morgen früh dauern. Ich passe einen günstigen Moment zum Öffnen der Schotts ab, klettere rein, werfe die nasse Fock ins Vorschiff, nicht ohne vorher die schon angetrocknete Stelle hoch zu halten und dann aufzuhängen und koche mir erstmal Nudeln. Das lenkt mich ab, der anschließende Genuss ist Balsam für die Seele. Oh, wie gerne hätte ich noch Schokolade hinterher... Dann gucke ich aus dem Fenster. Bin zu nervös, um zu lesen, Musik zu hören oder einen Film anzuschauen. Ich blicke in das unendliche sich drohend gebärdende Grau, lausche dem Heulen, Donnern, Rauschen, Gurgeln, und plötzlich wird mir mit erschreckender Klarheit bewusst, wie wenig mich von dieser lebensfeindlichen Umgebung trennt, welch eine aberwitzige Illusion mir die heimelige Atmosphäre in meiner Kajüte vorgaukelt. Das Gefühl, nur durch einen Raumanzug geschützt auf dem Mond zu stehen kann kaum anders sein. - 'Diese Nacht noch, dann wird es bestimmt besser. Vielleicht ist ja morgen früh Genuawetter' versuche ich optimistisch zu bleiben. -
'Morgen früh' liegt hinter mir, mein Optimismus wurde belohnt. Gegen Morgen hatte ich die Sturmfock mit diversen Zickzackstichen genäht, in der Annahme, dass ich sie nach Investition dieser Arbeit bestimmt nicht mehr brauchen würde. Beim Nähen hatte ich 'Karniggels' geguckt, was mich beträchtlich aufgemuntert hat. Detlev Bucks trockener Humor entlockt mir einfach ein Grinsen, das auch eine Weile nach Ende des Films noch bestehen bleibt. Dann Frühstück, Blick nach draußen: mieses Schmuddelwetter, Nieselregen, grauer Himmel, graue See, hohe Dünung aber wenig Wind. Zuerst kommt die Sturmfock wieder drauf, damit wir zumindest schon mal in Fahrt kommen. 2,4 kn, immerhin besser als Beiliegen. Dann muss die zerrissene Fock abgewickelt werden. Auf dem ca. 1 m² großen, zudem mit Ankerwinde und Klampen bebauten Vorschiff bei unbändigem Rollen (4m Wellen, 15kn Wind) eine echte Herausforderung. Natürlich geht die Fock dabei Baden. Das alles ist aber nichts gegen das Setzen der Genua, also das Einfädeln des Vorlieks in die Nut des Rollstags. Im Grunde nur zu zweit zu schaffen. Einer muss am Stag bleiben und aufpassen, dass sich das Vorliek nicht verklemmt, während der andere am Mast stehen und das Fall durchsetzen muss. Oder man baut sich irgendwelche Umlenkungen, um das Fall von ganz vorne aus ziehen zu können. Die Riesengenua bleibt auch bei nur 15kn Wind natürlich nicht ruhig sondern schlägt wild um sich, kaum dass die Hälfte hochgezogen ist. Ich mache es nach und nach in 10cm-Stücken, krieche dauernd zwischen Mast und Vorstag hin und her, rutsche bei jeder Rollbewegung von einer auf die andere Seite, werde geduscht, schlage mit Knien an Klampen an.. Irgendwann ist es geschafft, die Genua weht aus in ihrer vollen Pracht und ich stelle fest, dass die Reffleine nicht komplett in der Trommel ist. Das ist die Leine, an der ich vom Cockpit aus ziehe, um das Segel einzurollen. Wenn sie vorher nicht komplett aufgetrommelt war, ist sie am Ende, wenn noch ein Teil des Segels steht. Ich werde erstmal wahnsinnig, dann finde ich eine Lösung und eine halbe Stunde später erfüllt dieser Riesenflatschen seinen Zweck.
Mal schaun, was uns sonst noch so erwartet, im Moment sieht's ganz nach Flaute aus.












