Schon das zweite Mal, dass die Vorhersage von UGrib nicht stimmte. Den angesagten raumen Wind hatte ich auf der Strecke Graciosa – Gran Canaria nicht eine Sekunde. Das gibt mir zu denken, hatte ich doch bisher geglaubt, diese Quelle für Wetterinfos sei recht zuverlässig.
Mit meinem Plan, Caleta del Sebo am Samstag Vormittag zu verlassen, sah ich mich zunächst mit unerwarteten Hindernissen konfrontiert. Irgendwie verliert man ja auf so einer Reise jedes Zeitgefühl, macht keine Unterschiede mehr zwischen Werktagen und Wochenende. Dass das Hafenbüro das ganze Wochenende geschlossen haben könnte und der Hafenmeister nicht aufzutreiben war, weil er sich für die zwei Tage nach Lanzarote abgesetzt hatte, war mir einfach nicht in den Sinn gekommen. Das bedeutete ganz einfach, dass ich vor Montag meine Liegegebühr nicht entrichten und demnach die Insel nicht verlassen konnte. Manfred, mein netter österreichischer Nachbar im „Trockendock“ half mir aus der Patsche. Manfred und Marlies wollen mit ihrer „Pan Gea“ (www.pangea.geliweb.net) vier bis fünf Tage nach mir nach Las Palmas kommen, sie boten mir also an, meine Liegegebühr am Montag zu bezahlen und beim nächsten Treffen mit mir abzurechnen. Ich war erleichtert, wollte ich doch die Tage bis zur Atlantiküberquerung lieber auf Gran Canaria und Teneriffa verbringen, als auf Graciosa.
Etwas verspätet um 11 Uhr ging es also los auf den etwas mehr als 120 sm weiten Törn. Das sollte selbst bei einem Schnitt von nur 4 kn locker reichen, um am nächsten Tag noch im Hellen anzukommen, dachte ich mir. Eine neue Wellendichtung hatte ich auf Lanzarote übrigens nicht kriegen können. Gut so, die alte ist nämlich noch völlig in Ordnung, das System musste nur auseinandergenommen und gründlich gereinigt werden.
Nach einem entspannten Nachmittag mit Halbwindsegeln bei leichter Brise entlang der Nordküste Lanzarotes änderte sich die Lage gegen 18:00 überraschend. Plötzlich kam der Wind von vorne. Immer noch leicht, aber tatsächlich direkt auf die Nase. Aufkreuzen bei Windstärke 1-2? Beim besten Willen nicht. Ich überlegte, ob das von UGrib angezeigte großräumige Windsystem vielleicht örtlich begrenzt von lokalen Systemen überlagert wird. Andererseits war ich auf der Luvseite der Insel mit über zwanzig sm Abstand und entfernte mich zusehends von dieser. Das wiederum machte mir Hoffnung, dass es sich höchstens um zwei bis drei Stunden handeln konnte, die ich mit dem Motor überbrücken musste.
On Saturday 28th at 11:00 am I started from Caleta del Sebo, Graciosa, to Las Palmas, Gran Canaria. The wind supposed to be NE with 7 to 8 kn. But this information from UGrib was not true. In the afternoon a light wind from NW pushed me slightly into the right direction. At 06:00 pm suddenly the wind turned directly on my nose. It remained in this direction until 06:00 in the morning, so I had to start the engine and steer the course by myself. That was hard, but on the next day I got a real recompense for that. Windspeed increased, the direction changed to NW again and Frigga could run a speed of more than 6 knots until arriving Las Palmas at 03:30 pm on Monday.
Letztendlich verbrachte ich dann die Nacht an der Pinne, ziemlich genau von 18:00 bis 06:00. Der Rest des nun angebrochenen Segeltages sollte mich für diese Qual dann gründlich entschädigen. Der Wind drehte abermals auf Nordwest, nahm an Stärke beträchtlich zu, so dass die 6 vor dem Komma auf der Logge zur Regel und nicht nur zur Ausnahme wurde. Top Speed für einige Sekunden war 6,9, häufig waren es 6,7 kn, ich traute meinen Augen kaum. Eigentlich hätte ich schon längst reffen müssen, aber ich hatte absolut keine Lust, langsamer zu werden. Ein Trugschluss, dem ich nach nunmehr über 3.000 sm nicht mehr aufsitzen dürfte. Denn, als ich dann doch gerefft hatte, verminderte sich die Geschwindigkeit keineswegs, wir hatten die natürliche Grenze der Rumpfgeschwindigkeit längst erreicht, die überschüssige Windenergie war nur noch eine unnötige Belastung des Materials. Jetzt werde ich es mir endlich merken, soll nicht wieder vorkommen. Apropos Material, die Wellendichtung hat zuverlässig das getan, was sie tun sollte, aus dieser Richtung kam kein Wasser mehr.

Gran Canaria präsentierte sich wolkenverhangen und war dementsprechend spät am Horizont auszumachen. Um 15:30 passierten wir die Hafeneinfahrt, im Bild vor dem Bug des Kreuzfahrers zwischen Friggas Wanten zu erkennen.

Hier machte ich einen unverzeihlichen Fehler. Statt am Anmeldesteg vor der Rezeption anzulegen, suchte ich mir gleich einen freien Liegeplatz, machte fest und ging zu Fuß zum Hafenmeisterbüro. Offenbar hatte ich damit den guten Mann zutiefst in seiner Ehre gekränkt, musste eine Standpauke über mich ergehen lassen und die Frigga an den Rezeptionssteg verholen, um ja keinen Punkt des vorgesehenen Zeremoniums auszulassen. Zur Strafe (das vermute ich mal) wurde mir dann einer der unkomfortabelsten Liegeplätze der ganzen Marina zugewiesen.


Maximale Entfernung zu WC und Duschen, kein seitlicher Fingerponton, sondern Festmachen mit Bug oder Heck voran am Steg und das andere Ende an einer Mooringleine. In meinem Fall natürlich mit dem Bug zum Steg, ich will mir ja nicht meinen Windpiloten demolieren. Die Mooringleine ist im Übrigen so dick, dass sie bei Frigga kaum um die Klampe passt. Auf meinen Protest hin hieß es, es sei kein anderer Platz frei. Na, mal schau’n, da wird sich sicher noch etwas machen lassen.
Die Station für die letzten Vorbereitungen vor der Atlantiküberquerung sollte eigentlich Teneriffa sein. Dort wollte ich etwa zwei Wochen verbringen, ein bisschen die Insel erkunden, auf den Teide klettern usw. Auch würde ich dort Ruben gerne noch einmal treffen, bevor er sich auf seinen großen Törn aufmacht. Nach allem, was ich nun gehört habe, spricht jedoch vieles dafür, die Hauptvorbereitungen hier in Las Palmas zu erledigen. Z. B. gibt es im Hafen von Santa Cruz keinen Hotspot und ich brauche höchstwahrscheinlich telefonische Unterstützung (also per Skype) bei der Einrichtung meiner KW/Pactor-Anlage. Im Moment bin ich etwas hin- und hergerissen, werde mich bis Donnerstag entscheiden, wie es weitergeht.
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