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Sechseinhalb Tage hoch am Wind

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Und am Ende noch einen übergebraten gekriegt. War wohl etwas zu optimistisch, vielleicht auch schon naiv zu glauben, dass wir die Überfahrt in 3-4 Tagen machen könnten. So richtig wollte ich erst gar nicht los aus dem gastfreundlichen Brest. Mir war schon etwas mulmig bei der Vorstellung, mich allein mit Frigga tagelang in diesem schon fast berüchtigten Seegebiet herumzutreiben. Aber, je eher daran, je eher davon heißt es nicht umsonst. Zig mal Wetterberichte eingeholt, es sprach alles dafür, loszufahren. Andererseits war es inzwischen Mittag, dementsprechend hatte ich Hunger, und wer weiß, wann es die nächste richtige Mahlzeit gibt. Also rein in eins der Bistros an der Hafenpromenade und etwas für Leib und Seele getan.

14:30 am Donnerstag den 20. August schließlich haben wir uns der Angelegenheit gestellt und die schützenden Mauern der Hafenanlage in Brest hinter uns gelassen.

Die nächsten 24 Stunden waren ziemlich ernüchternd. Die Windvorhersagen stimmten nicht, Tidenstrom und Gegenwind machten es zur Sisyphosarbeit überhaupt von der französischen Küste wegzukommen. So kam es zu geradezu absurden Situationen. Z. B. in der zweiten Nacht. Grundsätzlich wollten wir ja nach Südsüdwest, was einen Kurs von etwa 210° bedeutet. Ging aber nicht, aus dieser Richtung kam der Wind. Also, entweder ca. 260°, also West mit einer leichten Südkomponente, oder etwa 160°, also Süd mit einer deutlichen Ostkomponente. So weit die Theorie. Natürlich war die erste Variante im Prinzip die bessere, bei zu erwartendem Westwind konnten wir dann immer noch mit halbem Wind nach Süden runterbrettern. Nun kommt die Gegenströmung der auflaufenden Flut ins Spiel. Aus 260° wurden schnell 280°, dann 300° und mehr. Das ging zu weit, also zu weit nach Norden, das wollte ich auch wieder nicht. Also Wende. Es war stockfinster, meinen beleuchteten Kompass im Brückendeck benutze ich nicht so gerne, da er schlecht ablesbar ist, dafür den neben dem Kajütschott angebrachten Peilkompass. Der ist aber nicht beleuchtet, so dass ich bei einsetzender Dunkelheit automatisch nur noch auf das Display des GPS schaue, das den Kurs ja ebenfalls angibt (jedoch den wahren Kurs über Grund, was in der Regel dem Kompasskurs ziemlich nahe kommt). Was eine Wende nachts für einen Einhandsegler bedeutet, sei hier dem interessierten Laien kurz dargestellt. Was auf dem Steinhuder Meer zu zweit auf einem Boot überhaupt kein Thema ist, also ‚Klar zur Wende? Klar! Re! Und rum mit der Kiste, einer holt die Genua rüber und die Sache ist in 10 Sekunden erledigt’, ist nun ein bisschen aufwendiger. Erstmal überhaupt die Entscheidung, die kuschelige Koje zu verlassen, draussen ist es windig, dunkel, kalt und es regnet. Dann drinnen gucken, was alles nach Lee fliegt, wenn man auf den anderen Bug wechselt und dementsprechend umräumen. Ölzeug an, raus. Die Verbindung der Selbststeueranlage zur Pinne lösen, gucken, dass die Fockschoten freilaufen und sich nirgendwo verhaken können, Ruder legen auf den neuen Kurs (festgestellt durch Blick auf den Verklicker im Masttop), während man die Fockschot dichtholt und auf der Winsch belegt die Pinne mit den Beinen halten, damit man nicht zu weit abfällt und evtl. eine Halse draus wird (was bei wenig Wind und steilen Wellen leicht passieren kann). Zum Heck krabbeln und während man die Pinne mit einem Fuß bedient, um den Kurs zu halten, diesen an der Windfahnensteuerung einstellen. Zurück an der Pinne noch die Arretierung des Seilzugsystems zur Übertragung der Steuerimpulse des Windpiloten und damit die Feinjustierung vornehmen, eine Weile beobachten, nachjustieren, fertig. – Zurück zum Beispiel. Wende also Richtung Süden, in der irrigen Annahme, dass der Wind gedreht hat und nun etwas mehr aus Norden kommt, also in der Erwartung, nach der Wende etwa 200° anliegen zu können. Nach beschriebener Prozedur der Blick auf das GPS: Hurra, wir fahren nach Osten, etwa 100°! Wie bitte, ich meine, seit wann habe ich einen Wendewinkel von 200°? Das war doch nicht möglich. Statt einen Moment länger darüber nachzudenken, wendete ich fast reflexartig wieder zurück. Der Schlafmangel forderte seinen ersten Tribut. Dann endlich die Idee, mal auf den Kompass zu schauen. Siehe da, beide Kompasse zeigen jetzt 260°, alle drei GPS sagen 319°. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich es auf der Reihe hatte. Der Wind war zu schwach geworden, um gegen die Tidenströmung anzugehen, wir wurden zurückgetrieben. Bald schlief der Wind fast völlig ein, Frigga wurde durch die Wellen hilflos hin und hergeworfen, der Verklicker rotierte mal in diese, mal in jene Richtung und machte ein Feststellen irgendeiner Windrichtung unmöglich. So vertrieben wir uns in jener Nacht einige Stunden die Zeit. Besondere Würze erhielt das Ganze noch durch den Umstand, dass wir ja in dieser Gegend nicht allein unterwegs waren. Die Seekarte zeigt auf der gesamten Biskaya ein Netz von Routen der Großschifffahrt, so dass das Ganze fast aussieht wie ein Strickmusterbogen. Auf meinem AIS wimmelte es nur so von Pfeilsymbolen im Umkreis von 10sm, von denen einige oft zu zweit oder zu dritt nebeneinander auf uns zu kamen. Nachts war ich also heilfroh über diese Anschaffung, tagsüber ging es auch ohne, da empfand ich die Begegnungen als ganz spannende Abwechselung.

Irgendwann war das Brot alle, so kam ich zu dem ersten auf See selbstgebackenen. Zwar ohne Kruste, dennoch sehr lecker.

Und wieder geht ein Tag…

Und ein neuer kommt, zum Glück mit gutem Wetter.

Seegang zu fotografieren ist eigentlich unmöglich, nie kommt dabei rüber, wie hoch die Wellen waren, es sei denn, man hat einen Anhaltspunkt, wie dieses Schiff, dass ich im Abstand von wenigen Sekunden zwischen den beiden Bildern aufgenommen habe.

Mein Windpilot „Pacific light“ war auch so eine glückliche Entscheidung wie das AIS. Er machte seine Sache unter allen Umständen richtig gut. Wer mehr über diese Dinger wissen will, wird hier auf Peter Förthmanns Webseite umfassend informiert.

Bei diesem Thema muss ich an Ralf denken, der mir für die alte Anlage (30 Jahre alte Windpilot Atlantik) extra neue Teflon-Lager gedreht hatte. Ich habe ein etwas schlechtes Gewissen deswegen, aber sorry Ralf, nach wirklich reiflichen Überlegungen musste ich doch dem guten Stück, das sich auf der Ostsee wirklich bewährt hatte das Vertrauen entziehen. Ursprünglich hatte ich das nicht vorgesehen, da ich das Geld dazu eigentlich nicht hatte, aber es hätte anders schlichtweg nicht funktioniert.

Dienstagabend kam Land in Sicht und ich rechnete mir aus, Mittwoch mittags La Coruña zu erreichen. Es sollte natürlich anders kommen. Der Wind drehte mal wieder und der lange Schlag nach Süden, den ich über zwei Tage halten konnte war zu Ende. Die letzten rund 60sm die spanische Nordwestküste entlang mussten wir wieder aufkreuzen, dabei frischte der Wind immer weiter auf, schließlich hatten wir das Großsegel zweifach gerefft und die Fock (nicht die Genua, gute Entscheidung in Brest) erst zur Hälfte, dann irgendwann in der Nacht zu Mittwoch zu zwei Dritteln weggerollt. Trotzdem zogen wir noch die Relingstützen durchs Wasser. Das Barometer blieb unverändert, ich machte mir keine Sorgen. Jedenfalls nicht wegen des Wetters. Eher wegen meines Durchhaltevermögens, infolge des Schlafmangels stellten sich Halluzinationen ein. Hinlegen ging aber nicht mehr, um mich herum schipperten Dutzende von Fischerbooten, die natürlich kein AIS an Bord hatten, auf meinem Monitor also nicht auftauchten. Kaffeekochen war bei diesem Seegang eigentlich unmöglich. Ich hatte aber noch ein Stück leckeren bretonischen Apfelkuchen, zu dem ich unbedingt einen Kaffee haben wollte. Und zwar mit Milch. Das ist nicht nebensächlich, denn während eines Rodeoritts einen Becher heissen Kaffees in der einen Hand zu halten, mit der anderen die Kühlbox zu öffnen, die Milch herauszuholen, zu öffnen und einen Schuss davon in den Becher und nicht daneben zu bekommen, während man sich dabei irgendwie selbst festhalten muss, um nicht durch die Gegend geschleudert zu werden und sich die Rippen zu brechen ist schon eine Herausforderung. Jedenfalls hat es mit dem Kaffee beim zweiten Anlauf geklappt, der erste ist irgendwo in der Umgebung des Kochers gelandet, das mit der Milch ging auch und triumphierend habe ich Kaffee und Kuchen im Cockpit genossen. Das wurde prompt bestraft. Rasmus lässt nicht mit sich spaßen und Arroganz verträgt er offensichtlich überhaupt nicht. Ab etwa 5:00 fing es an zu stürmen, keine Ahnung, welche Windstärke, vielleicht 8, die Wellen gingen bis irgendwo auf Höhe der Saling. Da habe ich ehrlich gesagt meinem Windpiloten auch nicht mehr vertraut und die Pinne selbst in die Hand genommen. ‚Naja, es wird ja bald hell’ dachte ich, ‚wenn die Sonne aufgeht, wird es bestimmt wieder freundlicher’. Trugschluss, das Morgengrauen war tatsächlich ein solches, jetzt konnte ich das Ausmaß des Unwetters erst richtig erkennen. Letztendlich dauerte es elf Stunden, bis sich die Lage einigermaßen beruhigt hatte.

Ich checkte die verbleibende Distanz, überschlug meinen Dieselvorrat und wog den Zeitaufwand für direkte Motorfahrt gegenan gegenüber dem des Aufkreuzens ab, warf den Perkins an und nach zehnstündiger Motorfahrt mit lauter Musik und allen möglichen Tricks gegen das Einschlafen an der Pinne waren wir Donnerstag um 4:00 morgens in der Marina La Coruña fest. Nach 13 Std Schlaf dann das Frühstück und das allmähliche Realisieren, dass nun die Etappe, die mir am meisten Sorgen bereitet hatte in unserem Kielwasser liegt.

Wir werden hier sicher eine Woche verbringen, ich muss endlich die restlichen Arbeiten an der Frigga erledigen, d. h. vor allen Dingen den Kettenkasten für die Ankerkette zu bauen, die Bugrolle mit dem Anker sowie die Ankerwinde an Deck montieren. Außerdem muss die KW-Funkanlage eingerichtet werden, damit ich in Zukunft auch ohne Hotspots emails empfangen und verschicken kann. Jetzt habe ich Zeit.

 

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