FRIGGA-live

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Höllenfahrt

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Auf der Südhalbkugel heißen die 40er bzw. 50er Breitengrade „Roaring Fourties“ bzw. „Screaming Fifties“. Wohl, weil in dortigen Gegenden der Normalfall ist, was oben im Norden nur ausnahmsweise vorkommt. Ist man zur richtigen Zeit am richtigen (oder falschen, wie man's nimmt) Ort, kann man allerdings auch hier erleben, was diese Bezeichnungen bedeuten. Ehrlich gesagt war ich darauf gar nicht scharf gewesen, aber ich wurde nicht gefragt, als das Spektakel am Mittwoch früh um 6:00 begann. Zuerst war ich noch ganz guter Dinge, 30 – 35kn Wind waren vorhergesagt, das kannte ich schon, das würden wir schon überstehen. Ich freute mich, dass die Wellen nicht ganz so hoch waren, wie bei dem Sturm vor vier Wochen, doch man soll ja den Tag nicht vor dem Abend loben. Nach Mittag ging es erst richtig los. Das Heulen des Windes ging in ein Kreischen über, die Wellen waren plötzlich haushoch, Regen und Gischt peitschten waagerecht durch die Luft. Das Anemometer zeigte 50kn an, das ist Windstärke 10. Es wurde immer schwieriger, Frigga vor dem Wind zu halten und nicht querzuschlagen. Ein Langkieler ist einfach nicht gut, wenn es darum geht vor Starkwind ablaufend Wellen auszusteuern. Er ist einfach zu träge, kommt nicht schnell genug mit dem Heck rum, wenn es drauf ankommt. Uns zog ausschließlich ein vielleicht 1,5m² Fetzen der Genua. Es heißt eigentlich, dass eine um etwa 60% eingereffte Rollgenua statt Vortrieb nur noch Krängung erzeugt und damit eher zum Sicherheitsrisiko wird, als dass sie noch nützt. Aber ich hatte keine Wahl. Mit einer Talje als Barberholer hatte ich den Schotholepunkt weit genug nach vorne bringen können, so dass sich selbst bei dem nur handtuchgroßen Stück ein brauchbares Profil einstellen ließ.
Gegen 16:00 passierte das, was ich immer befürchtet hatte. Ich saß auf der Cockpitbank an Steuerbord, versuchte gerade, mit voller Kraft an der Pinne ziehend Frigga am Anluven zu hindern, als es hinter mir stärker donnerte und brauste als normal. Als ich mich umsah, erstarrte ich für einen Moment. Dieses Ding musste uns rollen, jetzt war alles zu spät. Der Brecher kam über uns, riss uns mit sich und warf Frigga auf die Backbordseite. Ich stürzte nach unten, krachte mit dem Brustkorb auf die Backbordwinsch und fand mich im Wasser aber innerhalb der Reling wieder. Beim Fallen hatte ich den Peilkompass abgerissen, aus den Augenwinkeln sah ich ihn in zwei Metern Entfernung von mir schwimmen. Zum Glück widerstand ich dem ersten Impuls, nach dem Teil zu hangeln, anstatt mich festzuhalten. Frigga richtete sich wieder auf und schaufelte mich nebst einem Kubikmeter Wasser zurück ins Cockpit. Ich rappelte mich auf und brachte Frigga zunächst zurück auf Kurs. So konnte es jetzt aber nicht weitergehen, völlig durchnässt zitterte ich wie Espenlaub. Also Beidrehen, das bewährte Rezept. Wohl war mir dabei nicht, es war das letzte Mal gut gegangen, aber jetzt waren die Bedingungen verschärft. Normalerweise gehört auch ein Trysegel über dem Großbaum oder ein stark gerefftes Großsegel dazu. Mit meinen nur  zwei Reffreihen im Groß war daran überhaupt nicht zu denken. Erstaunlicherweise funktionierte es aber auch nur mit dem back gestellten Minivorsegel und nach Lee festgezurrter Pinne. Wir drifteten mit 2,2kn nach Lee und an der Luvseite bildete sich eine Wirbelzone aus, in der die anrollenden Brecher teilweise ausliefen, also nicht mehr mit unverminderter Stärke auf die Bordwand krachten. Diesen Zustand beobachtete ich eine halbe Stunde, dann fand ich, dass es verantwortbar war, das Schiff so sich selbst zu überlassen und verzog mich nach drinnen. Da ich keinen Windfang habe, geht das Einsteigen natürlich mit der entsprechenden Wasseraufnahme des Wohnraums einher. Das Chaos innen hielt sich in Grenzen, da sich auf der Steuerbordseite außer dem Bettzeug auf der Koje und ein paar Büchern im Regal nichts befindet, was ohne weiteres in den freien Flug übergehen kann. Jetzt erst dachte ich an meine Fenster. Offensichtlich haben sich die hässlichen Plexiglasscheiben, die ich in Brest vor der Biskayaüberquerung als Anprallschutz von außen davor geschraubt hatte bewährt. Ohne diese Maßnahme würde jetzt vielleicht die Backbordscheibe drinnen liegen mit allem, was noch nachgekommen wäre.
Den Rest des Sturmes wetterte ich in der Koje ab, bis morgens um 9:00. Schlafen konnte ich allerdings kaum. Zu groß war die Anspannung, außerdem machten sich die Rippen meiner rechten Seite bei jeder Lageveränderung deutlich bemerkbar. Voller Sorgen, ob mein Rigg, mein Ruder, mein Segel dem allen stand hielt lauschte ich der infernalischen Kakophonie da draußen, zu der übrigens die wild an den Mast schlagenden Fallen nicht unerheblich beitrugen. Das hätte ich theoretisch beheben können, aber ich brachte es nicht über mich, deswegen aufzustehen, die nassen Klamotten anzuziehen und nach draußen an den Mast zu gehen. Einige Brecher schlugen im Lauf der Nacht auf uns ein und schüttelten uns durch, und ich spürte manchmal, wie das Schiff gurgelnd mit dem Seitendeck unterpflügend breitseits durchs Wasser geschoben wurde. Die Gefahr zu Kentern bestand aber glaube ich nicht mehr.
Um neun heute morgen entschloss ich mich unwillig zur Weiterfahrt. Unwillig deshalb, weil es immer noch mit 25-30kn wehte und die Wellen mit 6-8m Höhe anrollten. Immerhin schien dazu aber die Sonne. Inzwischen ist es 19:00 und es hat sich nichts verändert. Ich hoffe, dass da nicht noch was nach kommt.

 

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